Yoga um den Geburtstermin – meine Erfahrungca. 5 Min Lesezeit

Isabell Auch Schwangerschaft, Yoga

Am Ende jeder Schwangerschaft steht das GebĂ€ren, als natĂŒrliches Ende der Schwangerschaft und Neubeginn des Lebens als Mutter und Familie. Was bedeutet dieser Übergang? Welche SchĂ€tze hĂ€lt er bereit und wie kann Yoga unter der Geburt helfen ein positives Geburtserlebnis zu erfahren?

Dieser Übergang bedeutet erst einmal Unwissenheit. Es ist ein notwendiges Ereignis, das einem bevorsteht, von dem man vielleicht viel gelesen und gehört hat, jedoch noch keine eigenen Erfahrungen damit machen konnte. Das Ereignis tritt ein, wenn Mutter und Baby bereit sind. Der errechnete Geburtstermin ist dabei eher als Richtwert zu sehen. Das heißt, zum Ende der Schwangerschaft steht der Schwangeren das große Warten bevor, ohne zu wissen worauf genau sie wartet und wann genau das Warten ein Ende hat. Der Beginn der natĂŒrlichen Geburt ist nicht planbar, kontrollierbar und auch der Geburtsprozess wird so geschehen, wie er geschieht. Bei so viel Ungewissheit und Unsicherheit können Ängste aufkommen, die bereits vor der Geburt betrachtet werden können. Es ist eine gewisse Ohnmacht, die ausgehalten werden muss. Die Schwangere Frau macht die Erfahrung, dass die eigene Macht ihre Grenzen hat und dass es eine höhere Macht gibt, der sie vertrauen muss. Der Umgang mit dieser Unsicherheit kann fĂŒr die werdende Mutter große SchĂ€tze hervorbringen, von denen die Frau ihr weiteres Leben profitieren kann: Vertrauen, Hingabe, Offenheit und Zuversicht sowie der Glaube an die eigene weibliche Kraft, die Natur und das Leben selbst. Es kann helfen, sich in dieser Zeit zu beobachten und einen Raum zu geben fĂŒr die ganz eigenen Gedanken und GefĂŒhle in dieser Phase.

Ist es nicht genau diese Unsicherheit und Ungewissheit im Leben, die manchmal so schwierig auszuhalten ist und vor der wir am liebsten weglaufen wĂŒrden? Suchen wir vielleicht genau deshalb nach so viel scheinbaren Sicherheiten, um einer natĂŒrlichen Unsicherheit zu entkommen, weil uns die innere StĂ€rke und das Vertrauen fehlen? Diese intensive Zeit, in denen wir nichts tun können, außer vertrauen, abwarten und so gut es geht entspannen, kann uns neue Seiten an uns offenbaren und zeigen, wer wir noch sind. Vielleicht kommen wir durch diese innere Spannung an Kraftquellen, die uns bislang verborgen waren. FĂŒr mich war das Warten eine große Herausforderung. Meine Ungeduld und meine Ängste vor einer Einleitung haben mich schließlich dazu geleitet Dinge zu tun, an die ich außerhalb dieser Situation nie gedacht habe. Ich habe nach dem errechneten Geburtstermin begonnen Fotos aufzustellen von allen Frauen in meiner Familie. Manche kannte ich nicht einmal persönlich, zu anderen fĂŒhlte ich immer noch eine starke Verbindung. Ich habe all diese Frauen um Hilfe gebeten und es hat mich sehr berĂŒhrt und gestĂ€rkt. Ich hatte das GefĂŒhl doch etwas tun zu können und wurde wieder kraftvoller. Ich habe all diese Frauen meiner Familie auch gebeten, mich unter der Geburt zu unterstĂŒtzen und hatte seitdem das GefĂŒhl nicht alleine damit zu sein. Es war wunderschön auf diese Weise StĂ€rkung zu erfahren.

Vielleicht kann es zudem auch hilfreich sein, sich bewusst zu machen, dass Mama und Baby die Geburt als Team meistern werden. Es kann entlasten, sich schon vorher innerlich mit dem eigenen Kind zu unterhalten und sich zu bestĂ€rken. Meine Hebamme erklĂ€rte mir, dass das Entscheidende fĂŒr ein positives Geburtserlebnis die Verbindung zu sich selbst ist. Das hat mich sehr bestĂ€rkt bei mir und meinem Atem zu bleiben. Die Körperhaltungen, AtemĂŒbungen und Meditationen aus der Yogapraxis waren hierbei insgesamt eine große Hilfe um die Verbindung zu mir und das Körperbewusstsein zu stĂ€rken.

Ein interessantes Thema können auch die eigenen Vorstellungen und inneren Begrenzungen zur eigenen Weiblichkeit sein. Was ist weiblich und wie möchte ich gesehen werden? Wie wurde ich erzogen? Was gehört sich und was nicht? Wie habe ich mich bisher als Frau erlebt? Die Geburtserfahrung wird vielleicht die eigenen bisherigen Vorstellungen von dem was eine Frau kann, soll und darf sprengen. NatĂŒrlich geht es um das Loslassen, sich Hingeben und weich sein, doch gehört auch eine riesengroße Menge Kraft und Aggression dazu, um neues Leben zu schenken. Diese Kraft unter der Geburt fĂŒhlen zu dĂŒrfen ist ein wahres Wunder. RĂŒdiker Dahlke schreibt dazu: „Das Wort „Aggression“ kommt vom lateinischen Wort „aggredi“ (= „herangehen, vorstoßen, vordringen, angreifen“) und meint nichts primĂ€r Böses, sondern eine aktive AnnĂ€herung an die Welt. (
) Zur Geburt ist eine gewisse Portion (
) Aggression unverzichtbar. Wenn wir aber das ganze Prinzip entwerten, fĂ€llt es schwer, mit ihm noch sinnvoll umzugehen. Nicht nur seitens der Mutter (
), um ĂŒberhaupt etwas so gewaltiges wie Presswehen hervorzubringen; auch seitens des Kindes ist ein mutiger Kopfsprung ins Leben zu wagen“ (Dahlke, 2001, S. 180).

Es kann sehr heilsam sein, sich als Frau so erleben zu dĂŒrfen. Dieses Prinzip, von AktivitĂ€t und PassivitĂ€t galt fĂŒr mich auch fĂŒr die Bewegungen unter der Geburt. Es war sinnvoll und gut, im VierfĂŒĂŸlerstand und in der Hocke Bewegungen durchzufĂŒhren, die meinem Baby den Weg durch den Geburtskanal zu erleichtern. Doch genauso wichtig waren immer wieder Pausen und Ausruhen im Geburts-Prozess. In den Pausen konnte ich die Aufmerksamkeit nach Innen ziehen und mich nach einer Weile ganz dem Geschehen hingeben. Das heißt jede Frau kann unter der Geburt immer wieder Asanas ausprobieren, um herauszufinden was gerade wirkungsvoll und passend ist. Der Schmerz kann dabei leitend und hilfreich sein. Auch das Tönen kann immer wieder ausprobiert werden, mit entspanntem Kiefer und möglichst tiefer Tonlage. Es kann Mutter und Kind beruhigen, den Atemfluss regulieren und den Muttermund entspannen. Und dann ist er irgendwann da: Der Moment des ersten Kennenlernens. Eine Erfahrung, die mit Worten nicht zu beschreiben ist und alles verĂ€ndert.

Eigene Fotografie einer Postkarte

Literatur

Dahlke, R. & Dahlke, M. & Zahn, V. (2001). Der Weg ins Leben. Schwangerschaft und Geburt aus ganzheitlicher Sicht. MĂŒnchen: Bertelsmann Verlag.